Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Services erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Mehr erfahren

Winterkurs "moving times" vom Ev. Bildungszentrum

Outdoor-Aktivitäten gehören beim Winterkurs zum Alltag.

Outdoor-Aktivitäten gehören beim Winterkurs zum Alltag.

Susann Heichel, Bildungsreferentin, Mediatorin und Coach, berichtet im Interview mit Stuzubi über den Winterkurs, an dem ihr als Alternative nach der Schule teilnehmen könnt.

Stuzubi: „moving times - Zeit für Veränderung“: Was kann man sich unter dem Winterkurs des Evangelischen Bildungszentrums vorstellen?

Susann Heichel: Das ist gar nicht so leicht kurz zu beantworten. Im Wesentlichen geht es darum, dass junge Menschen fünf Monate Zeit nutzen, jedes Jahr von November bis März, und hier im Evangelischen Bildungszentrum in Hermannsburg gemeinsam leben. Dabei wohnen ungefähr 20 Leute unter einem Dach, wie in einer großen WG. Diese Zeit wird genutzt, um – weg von zu Hause – zu überlegen, wohin es gehen kann: sei es in beruflicher oder persönlicher Hinsicht. Das Ganze ist ein vielseitiges, christlich gesprägtes Bildungsprojekt mit dänischen Wurzeln und in Deutschland in dieser Art einzigartig.

Auf unseren Flyern steht: „Die Alternative zu FSJ, Au-Pair, Auslandsjahr oder Praktikum“, weil es einfach etwas ganz anderes ist: Zeit, die von außen nicht verplant ist und stattdessen so genutzt werden kann, wie die Teilnehmer es für sich brauchen. Wer bin ich und wer will ich sein? – Das sind die wesentlichen Fragen, die ein jeder für sich auf ganz individuelle Weise in „moving times“ beantwortet.

Stuzubi: Für wen ist dieser Kurs geeignet? Müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein  - muss ich z.B. christlich sein?

Susann Heichel: Geeignet ist der Kurs für junge Menschen zwischen 18-25 Jahren und das ist eigentlich auch schon das wesentliche Kriterium. Der Schulabschluss ist uns egal, ob derjenige ein Christ ist oder nicht, ist auch nicht relevant. Klar, wir sind ein christliches Haus und versuchen das in unseren Alltag punktuell mit einzubinden. Wenn jedoch die Offenheit von beiden Seiten da ist, dem anderen zuzuhören und sich auf Inputs von außen einzulassen, dann ist das Voraussetzung genug, um hier mitzumachen.

Die wichtigste Voraussetzung ist aber, dass man selber Lust dazu hat. Die Winterkursler, die hier mitmachen, kommen freiwillig und haben auch wirklich Lust, fünf Monate lang etwas zu tun - sich kennenzulernen, sich zu verändern, die Welt zu verändern und aktiv den ganzen Kurs zu gestalten. Das ist ganz wesentlich!

Stuzubi: Gibt es eine Bewerbungsfrist? Wie hoch ist die Kursgebühr?

Susann Heichel: Die Bewerbungen laufen das ganze Jahr über und da der Kurs immer im November beginnt, meistens in der ersten Novemberwoche, sind die Bewerbungen mit der letzten Oktoberwoche in der Regel durch.

Lust auf den Winterkurs ist die wichtigste Voraussetzung für die Teilnahme.
Spaß im Winterkurs

Bei der Bewerbung gibt es zwei Elemente: Einerseits die schriftliche Bewerbung, die einen kurzen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben enthält. Nachdem die schriftliche Bewerbung bei uns eingegangen ist, kommt es zudem zu einem persönlichen Kennenlernbesuch in Hermannsburg. Uns ist es nämlich wichtig, die Leute vorher auch face to face kennenzulernen, um auf beiden Seiten herauszufinden, ob der Winterkurs „moving times“ auch das ist, was er/sie sucht und ob er/sie es sich vorstellen kann, in unserem kleinen Dorf Hermannsburg tatsächlich fünf Monate zu verbringen und sich auf all das einzulassen, was hier wartet.

Die Kursgebühr beträgt 2.950 Euro. Das beinhaltet alles, was hier zur Verfügung gestellt wird und passiert: Unterkunft, Verpflegung während der ganzen fünf Monate.

Alles, was wir an Referenten, Seminaren usw. anbieten, wird durch dieses Geld ebenfalls finanziert.

Stuzubi: Welche Motivationen bringen die meisten Teilnehmer mit?

Susann Heichel: Die Frage nach einer berufliche Orientierung ist für sehr viele ein ganz großer Punkt: Sie stellen sich die Frage: „Wie soll ich (nach meinem Schulabschluss) weitermachen oder was soll ich studieren?“ Wir haben das Gefühl, dass es in der Schule oft zu kurz kommt, sich mit sich selber, mit seinen eigenen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Wir erleben es zudem immer häufiger, dass Leute nach dem Abitur zu uns kommen, die nicht gleich studieren wollen oder erstmal von dem ganzen Leistungsdruck weg möchten. Sie nutzen hier die Zeit, um entspannt auf sich selbst zu achten und zu hören, ohne dabei  bewertet zu werden. Gleichzeitig mit anderen in ähnlichen Lebenslagen gemeinsam auch Spaß zu haben und die Zeit zu genießen – das motiviert unsere Teilnehmenden.

Manche kommen auch zu uns, weil sie gerade ein Studium abgebrochen haben und eine Neuorientierungsphase oder erstmal einfach eine Pause brauchen. Alle sind herzlich willkommen. Und je unterschiedlicher die Motive sind, desto bunter und vielseitiger wird der jeweilige Kurs.

Stuzubi: Was erwartet die Teilnehmer während der fünf Monate?

Susann Heichel: Gemeinschaft, viel Reflektion, viel Miteinander. Wir haben verschiedene Bausteine, z.B. „Beruf und Bewerbung“. Hierbei  schauen wir nach der beruflichen Orientierung. Dabei wenden wir verschiedene Tools oder Methoden an, um die Teilnehmenden auf ihrem Weg hin zu beruflichen Entscheidungen zu begleiten. Wir haben dazu auch extra einen Berufscoach im Team.

„Politik und Soziales“ steht auch ganz oben auf der Liste. Dabei werden politische Themen so aufgearbeitet – auch von den Teilnehmern –  dass sie tatsächlich ein Interesse daran entwickeln können und merken, wie jeder einzelne Politik mitgestalten kann. In weiteren Unterrichtseinheiten bieten wir Rhetorikkurse, Konfliktmediation, Deeskalationstraining, Psychologie und Kommunikationstraining an. Während des Angebots „Glaube und Sinnen“ beispielsweise fahren die jungen Menschen für vier Tage ins Kloster, um z.B. die Atmosphäre mitzunehmen. Ein Tag Schweigen – große Herausforderung, vier Tage ohne Handy – eine noch größere Herausforderung.

Bei Allem steht natürlich die Gemeinschaft an vorderster Stelle.
Die Gemeinschaft steht im Vordergrund.

„Kultur und Abenteuer“ ist auch noch ein Punkt. Wir haben jedes Jahr eine große Theateraufführung. Wir machen viel Sport, es gibt ganz viele Outdoor-Veranstaltungen, um aktiv zu bleiben. Kunst, Musik, Tanz, interkulturelles Training. Wir als Pädagogen-Team haben so ein paar Vorstellungen  davon, was wir mit den jungen Leuten machen wollen, die Teilnehmenden selber sind aber am Anfang auch ganz stark gefragt, worauf sie Lust haben, welche Themen sie interessieren. Dann gucken wir im Team, was machbar ist und wie wir es einbauen können.

Bei Allem steht natürlich die Gemeinschaft an vorderster Stelle, weil es ein besonderes Miteinander ist. Fünf Monate zusammen zu wohnen, jeden Tag Unterrichtseinheiten zusammen zu haben und gleichzeitig ganz viele Aktionen durchzumachen – dadurch können ganz intensive Beziehungen und Freundschaften entstehen. Der Winterkurs erschafft eine einzigartige Gemeinschaft, die es in solch einer Form im Leben wohl auch nicht mehr geben wird, denn wann hat man schon die Zeit, sich so intensiv mit anderen auseinanderzusetzen?
Wir haben am Ende eines jeden Kurses immer einen Abschlusskreis und dann fließen oft viele Tränen. Einfach, weil‘s so durch und durch ergreifend war.  „Zauberschön“.

Stuzubi: Haben die Teilnehmer nach dem Winterkurs konkretere Vorstellungen von ihrer Zukunft?

Susann Heichel: Viele haben das. Ich würde sagen, der Großteil der Teilnehmer geht hier raus und ist einen großen Schritt weiter mit der Frage, wie die Zukunft aussehen kann. Ob es dann alles wirklich so wird, ist eine andere Frage, aber sie verlassen Hermannsburg und es hat sich etwas verändert. Man möchte fast sagen, sie sind erwachsen geworden… ; ), Sie haben hier etwas mitgenommen, was einzigartig ist, was ihnen geholfen hat, mit sich selber auszumachen, wer sie sind. Ich kenne  keinen Winterkursler, der seine Entscheidung, daran teilzunehmen, bereut hat. Alle schätzen es wert,  sich die Zeit genommen zu haben, sich auf diese Prozesse einzulassen.

Und das ist der Grund, warum ich diese Arbeit mache und warum ich sie liebe: Weil man sieht, wie Großartiges mit den Leuten passiert. Es ist jedes Mal ein großer Moment, wenn sie anfangen zu strahlen, weil sie merken, in welche Richtung sie in Zukunft gehen können.

Der Winterkurs: "Eine super Sache". Zwei Teilnehmer berichten Stuzubi über ihre Zeit in Hermannsburg.