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Experteninterview zum Thema Führungspositionen

Führungskompetenzen kann man lernen.

Buchautor Professor Sven Litzcke befasst sich mit dem Thema Führungspositionen.

Früher galt: Wer ein Studium absolviert, hat auf einen Chefposten beste Chancen. Heute übersteigt die Zahl der Hochschulabsolventen die freien Führungspositionen deutlich. Ungebrochen ist indes der Run auf diese Stellen. Was vielen Bewerbern nicht klar ist: Mitarbeiterführung ist oft kein Zuckerschlecken – und nur wenige sind dieser Aufgabe gewachsen.

 

  • Generalisten eignen sich besser für Führungspositionen als Spezialisten.
  • Irgendwann muss man sich zwischen einer fachlichen Laufbahn und einer Karriere in Leitungsfunktion entscheiden.
  • Führungskräfte sind Dienstleister für das Team.

 

Welche Voraussetzungen für leitende Positionen nötig sind und wie man als Führungskraft die Karriereleiter hochklettert erklären Professor Sven Litzcke und Dr. Karin Häring, Autoren des von der Haufe-Gruppe herausgegebenen Buches Führungskompetenzen lernen, im Stuzubi-Interview. Wie der Aufstieg in eine Führungsposition ganz konkret aussehen kann und wie der Alltag als leitende Mitarbeiterin abläuft, erfährst du im Stuzubi-Porträt über Christine Wüst, die bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) den Bereich Personalstrategie leitet.

Stuzubi: Führungspositionen versprechen Status, Macht und Geld. Das klingt natürlich verlockend. Dennoch liegt es in der Natur der Sache, dass die Mehrheit der Mitarbeiter das operative Geschäft übernimmt und nur eine kleine Minderheit der Belegschaft mit Führungsaufgaben betraut ist. Wie viel Prozent eines Hochschulabsolventenjahrgangs schaffen es in die Chefetage?

Litzcke: Das hängt unter anderem vom Studienfach ab. Pauschal würde ich sagen, rund zehn Prozent. Bei den Wirtschaftswissenschaftlern, Ingenieuren und Juristen ist der Anteil höher, vielleicht bei bis zu 20 Prozent. Man muss hier aber auch differenzieren. In die untere Führungsebene zu gelangen, ist relativ einfach. Weiter oben wird die Luft dann schon dünner.

Häring: Grund dafür, dass nur noch ein kleiner Teil der Hochschulabsolventen in leitende Positionen gelangt, ist übrigens nicht nur der Anstieg der Studierendenzahlen. Viele Unternehmen streichen Stellen für Führungskräfte, um Geld zu sparen. Es gibt in diesem Bereich immer mehr Bewerber, aber immer weniger Jobangebote.

Stuzubi: Kann man im Vorfeld ausloten, ob man das Zeug zur Führungskraft hat?

Litzcke: Grundsätzlich eignen sich Generalisten besser für diesen Weg als Spezialisten. Je höher man aufsteigt, desto mehr fachliche Aufgaben fallen nämlich weg. Jemand, der inhaltlich an seinem Studium viel Freude hat, wird deshalb in einer Führungsposition wahrscheinlich nicht glücklich. Mitbringen sollte man auch gute analytische Fähigkeiten. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die emotionale Stabilität. Wer sich emotional nicht im Griff hat, herumschreit und Probleme damit hat, unangenehme Dinge anzusprechen, ist fehl am Platz. Außerdem sollte man stressresistent sein und gerne kommunizieren, weil der Kontakt zu den Mitarbeitern einen großen Teil der Arbeit ausmacht.

Häring: Man muss sich auch erst einmal die Frage stellen, wie viel man arbeiten möchte. Gerade am Anfang kommen die Führungsaufgaben zu den operativen Tätigkeiten hinzu. Das ist mit einer 40 Stunden Woche nicht zu schaffen. Und man muss mit Mitarbeitern oft Probleme besprechen und ihnen zum Beispiel sagen, dass sie nicht befördert werden, oder ihr Vertrag nicht verlängert wird. Wer hier nicht innerlich distanziert ist und so etwas dann nach der Arbeit mit nach Hause nimmt, tut sich als Führungskraft schwer.

Stuzubi: Man muss also gar nicht unbedingt ein Alpha-Tier sein, um in leitender Funktion erfolgreich zu sein?

Häring: Doch, Ehrgeiz und ein gewisser Wille zur Macht müssen schon vorhanden sein, sonst kommt man nicht an solche Positionen. Wobei es eine deutsche Eigenheit ist, dass der Begriff Macht so negativ besetzt ist. In anderen Ländern ist das nicht so. Macht muss nichts Schlechtes sein, wenn gleichzeitig auch Verantwortung übernommen wird.

Litzcke: Ein bisschen Dominanz ist gut, damit der Respekt gewahrt bleibt, aber zu viel davon schadet eher. Wer mit Druck arbeitet, erzeugt meistens Gegendruck und schafft sich Feinde, das braucht man nicht, es ist nur kräftezehrend. Viel wichtiger als Dominanz ist, dass die Mitarbeiter der Führungskraft vertrauen können. Heutzutage ist ein leitender Mitarbeiter ein Dienstleister für die Gruppe und Führung läuft hauptsächlich über Kontakt. Man muss viele persönliche Gespräche führen und im Kopf haben, wer gerade wie viel zu tun hat, und wie viel an Arbeitskapazitäten noch frei sind. Das ist aufwändig und kostet Zeit.

Dr. Karin Häring ist Seminarleiterin für den Bereich Mitarbeiterführung.
Dr. Karin Häring

Stuzubi: Inwieweit ist man in einer Führungsposition noch Teil des Teams? Ist eine bestimmte Distanz nötig, oder kann man sich verhalten wie unter ganz normalen Kollegen?

Häring: Das richtet sich nach der Unternehmenskultur. In einem Start-up mit flachen Hierarchien ist man näher am Team als zum Beispiel in einem Versicherungskonzern, in dem sich alle siezen. Man muss das aber auch für sich selbst entscheiden. Wenn man sich mit dem Mitarbeiter darüber unterhält, was man alles am Wochenende gemacht hat, kann das Vertrauen schaffen. Wenn man demjenigen aber am nächsten Tag eine unerfreuliche Mitteilung machen muss, ist es schwierig, wenn der Kontakt zu eng ist.

Litzcke: Man sollte sich am besten schon im Vorfeld darüber Gedanken machen, welche Unternehmenskultur zu einem passt, ob man sich in einem Start-up oder in einem Konzern wohler fühlt, und sich dann gezielt bei den entsprechenden Firmen bewerben.

Stuzubi: Einmal ganz pragmatisch gesehen – wie sollten Bewerber, die in leitende Positionen aufsteigen wollen, vorgehen?

Litzcke: Am Anfang sollte man am besten Führungsaufgaben auf Zeit wahrnehmen, zum Beispiel in Form einer Projektleitung. So lässt sich gut feststellen, ob einem leitende Funktionen Spaß machen und liegen. Irgendwann muss man sich aber entscheiden, ob man in diese Richtung gehen oder auf der inhaltlichen Ebene bleiben will. Ein Entwicklungsingenieur, der fünf Jahre in leitender Tätigkeit war, ist fachlich dann weg vom Fenster.

Häring: Sinnvoll ist es außerdem, sich erst einmal auf Stellen zu bewerben, die möglichst nah am Chef sind. Viele Hochschulabsolventen scheuen sich davor, weil das meistens Assistenzjobs sind. Aber man kann dabei eine Menge lernen, und, nicht zu vergessen, die richtigen Kontakte knüpfen. Früher war es so, dass man als Vorstandsassistent irgendwann ganz automatisch zum Chef hochgejubelt wurde. Und auch heute eröffnet diese Strategie gute Aufstiegschancen.

Stuzubi: Ist es möglich und sinnvoll, gleich nach dem Studium in eine Führungsposition einzusteigen?

Häring: Mein Tipp wäre, erst einmal ein paar Jahre Berufserfahrung zu sammeln. Der Übergang von der Hochschule ins Arbeitsleben ist an sich schon ein harter Brocken. Ich rate davon ab, dann sofort in einer leitenden Funktion zu starten. In großen Firmen kommt das auch selten vor.

Litzcke: Für Unternehmen ist es ein Risiko, leitende Funktionen an einen Berufseinsteiger zu übergeben. Wenn das nicht funktioniert, ist vielleicht die Motivation der Mitarbeiter zerstört. Möglich ist ein schneller Aufstieg in Führungspositionen aber zum Beispiel im Handel, weil es dort vergleichsweise wenig Akademiker gibt. Hier kann man teilweise sofort nach einem Traineeprogramm Leitungsaufgaben bekommen.

Stuzubi: Und nun noch die Gender-Frage. Frauen sind in leitenden Positionen immer noch unterrepräsentiert. Woran liegt es?


Häring: An den persönlichen Voraussetzungen sicher nicht. Kommunikationsfähigkeit, analytisches Denkvermögen, Stressresistenz und emotionale Stabilität, all diese Eigenschaften haben Frauen genauso wie Männer. In den unteren Ebenen bis zur Teamleitung sind weibliche Führungskräfte auch keine Seltenheit. Je höher die Position ist, desto kleiner wird dann der Frauenanteil. Ich glaube, es liegt zu einem großen Teil am Faktor Arbeitszeit, die mit steigender Position immer mehr wird. Selbst heute ist es für Frauen schwer, eine Führungsposition mit Familie und Kind zu vereinbaren, vor allem, wenn beide Partner Karriere machen wollen.

Stuzubi: Vielen Dank für das Gespräch.