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Start-up in Bayern: Wenn Absolventen Unternehmen gründen

Bastian Burger (r.) und sein Team

Bastian Burger (r.) vom Start-up blik und sein Team.

Jung, dynamisch, erfolgreich – das Bild vom Studenten, der wie einst Bill Gates in seiner Garage Produkte entwickelt, die den Weltmarkt erobern, hält sich nach wie vor in den Köpfen. Doch was ist dran an dem Mythos vom Jungunternehmer, der nach der Uni den Sprung in die Selbstständigkeit wagt? Experten mahnen zur Vorsicht – machen aber auch Mut. Wie der Alltag als junger Firmengründer aussieht, verrät Bastian Burger, CEO von blik.

Es gibt sie durchaus – vielversprechende Unternehmen, die aus Zusammenschlüssen von Studenten entstehen und Investoren mit zukunftsweisenden Ideen und Produktentwicklungen überzeugen. Doch wie viele es sind, das weiß niemand so genau. Zwar erheben die Industrie- und Handelskammer (IHK) und andere Institutionen regelmäßig Daten zum Alter und dem Bildungsabschluss von Firmengründern. „Ob es sich dabei um Berufseinsteiger oder frischgebackene Uni-Absolventen handelt, wird aber in keiner uns bekannten Statistik erfasst“, sagt Claudia Schlebach, Abteilungsleiterin Unternehmensförderung, Gründung und Gewerberecht bei der IHK für München und Oberbayern.

Fest steht allerdings: Der Anteil der 26 bis 35-jährigen Unternehmensgründer liegt im Zuständigkeitsbereich der IHK München und Oberbayern bei gerade mal einem Viertel. Ähnlich sieht es bei den Start-ups aus. „Unsere Gründer sind im Mittel Ende 30“, sagt Carsten Rudolph, Geschäftsführer der Institution BayStartUP, die unter anderem im Auftrag des Bayerischen Wirtschaftsministeriums Start-ups beim Aufbau berät und unterstützt und im Rahmen von Wettbewerben rund 400 eingereichte Business-Pläne im Jahr bewertet.

Claudia Schlebach von der IHK empfiehlt sich vor Firmengründungen umfassend zu informieren.
Claudia Schlebach von der IHK

Zwar sei die Spannbreite beim Alter der Unternehmer groß: „Das reicht von 23 bis 65 Jahren.“ Jedoch seien junge Gründer eher eine Seltenheit. „ Aber jung und erfolgreich zu sein, das ist dann die ganz große Ausnahme“, so die ernüchternde Bilanz von Rudolph.

Woran das liegt? „Wer frisch von der Uni kommt, hat keine Branchenerfahrung und keine Kontakte“, erklärt der Experte. Beides sei jedoch unabdingbar nötig, um ein Unternehmen erfolgreich aufzubauen. Hinzu komme, dass in mittelständischen Unternehmen etablierter Branchen wie etwa dem Maschinenbau die Entscheider meist im mittleren Alter seien. Ein Geschäftsführer mit Mitte oder Ende 20 werde in diesen Kreisen häufig nicht ernst genommen.

Dennoch gibt es auch Argumente, die dafür sprechen, sich in jungen Jahren selbstständig zu machen. „Junge Gründer haben oft den Vorteil, dass sie weniger Kosten für die Lebenshaltung haben und mehr Zeit investieren können als etwa jemand mit Familie“, sagt Schlebach. So könnten sie Durststrecken beim Austesten von Geschäftsideen besser überwinden. Außerdem könnten junge Unternehmer aufgrund ihrer größeren Flexibilität Rückschläge oft besser verkraften und unter Umständen auch mehrere Versuche mit der Selbstständigkeit wagen: „Generell ist das Risiko einer Gründung in erster Linie von der Vorbereitung abhängig, nicht vom Alter.“

Erfolg hängt von Vorbereitung ab

Oft scheitere der Unternehmensaufbau an mangelnden Kenntnissen und unzureichender Planung. Den Gründern fehle es an kaufmännischen Fertigkeiten wie Preiskalkulation, Kostenrechnung und Buchhaltung. Finanzierungen würden nicht ausreichen kalkuliert, Liquiditäten für Durststrecken nicht eingeplant, Umsätze zu hoch angesetzt oder der Kundennutzen der Geschäftsidee zu wenig durchdacht. „Praktisch alle diese Fehler lassen sich durch bessere Vorbereitung und vorherige Beratung vermeiden“, mahnt Schlebach.

Rudolph empfiehlt, als junger Unternehmer ältere Mitarbeiter zu beschäftigen. Als hilfreich erwiesen habe sich diese Methode zum Beispiel bei Konux, einem jungen, aufstrebenden Münchner Start-up aus dem Industrie- und Hardware-Bereich. Der CEO Andreas Kunze sei 23 gewesen, als er die Firma gegründet habe: „Er hat sich erfahrene Leute ins Team geholt und ist jetzt auf einem guten Weg.“

Tendenziell überschätzt wird Rudolph zufolge hingegen die Gefahr, als junger Unternehmensgründer nach einer Pleite auf einem Schuldenberg sitzen zu bleiben. „Vor allem die öffentlichen Geldgeber haben keinerlei Interesse daran, jemanden in die Privatinsolvenz zu treiben“, versichert er. Dennoch sei es sinnvoll, Kredite mit Augenmaß aufzunehmen: „Schulden von 50.000 Euro kann ein gut ausgebildeter Absolvent ohne allzu große Schwierigkeiten abarbeiten, aber bei 300.000 Euro ist das nicht mehr so einfach.“ Ebenso problematisch sei zu wenig Risikobereitschaft. Wer schon bei Krediten von 10.000 Euro kalte Füße bekomme, habe bei den Investoren eher schlechte Karten.

Carsten Rudolph, Geschäftsführer von BayStartUP, berät seit Jahren viele Unternehmensgründer in Bayern.
Carsten Rudolph, Geschäftsführer von BayStartUP

Profit in Form von Wissen

Wer allerdings glaubt, diese Gelder für großzügige Gehälter verwenden zu dürfen, der irrt sich gewaltig. Gerade in der Anfangszeit fließe bei einem Start-up so viel wie möglich in den Unternehmensaufbau, sagt Rudolph. Marktübliche Einkommen würden deshalb nicht bezahlt. Junge Gründer müssten den Verlockungen der Großkonzerne widerstehen: „Manchmal scheitern die Projekte daran, dass den Leuten anderswo gut bezahlte Positionen angeboten werden.“

Was die etablierten Konzerne den Berufseinsteigern meistens allerdings nicht bieten können, ist der Überblick über das große Ganze und die damit einhergehende Gesamtverantwortung. „Hier hat man in Start-ups sowohl als Gründer wie auch als Mitarbeiter einen unglaublichen Lerneffekt“, betont Rudolph. Etwa sei es nicht ungewöhnlich, dass in einem Startup ein Berufseinsteiger den Messeauftritt der Firma auf der Cebit federführend organisiere: „So etwas ist in einem großen Unternehmen kaum denkbar.“

Langfristig zahle sich der anfängliche Verzicht auf ein großzügiges Gehalt bei einem oftmals überdurchschnittlichen Arbeitspensum und relativer Unsicherheit des Arbeitsplatzes durch die Erfahrungen und das Wissen aus, das man in einem Start-up gewinnen könne, versichert der Experte. Das gilt natürlich auch für junge Unternehmensgründer. Die allerdings haben, wenn ihr Firmenkonzept aufgeht, noch ganz andere Optionen. „Wenn das Start-up funktioniert und dann verkauft wird, kann man zu einem finanziellen Reichtum gelangen, den man als Angestellter auch in einer gut bezahlten Position so vermutlich nicht erreichen wird“, sagt Rudolph.

Bastian Burger ist mit 27 Jahren CEO des Start-up blik.
Bastian Burger, CEO von blik

„Arbeitsalltag gibt es bei uns nicht“

Bastian Burger ist 27 Jahre und bereits geschäftsführender Gesellschafter eines Start-ups aus dem Logistik-Bereich. Stuzubi hat mit dem jungen CEO gesprochen.

Im vergangenen September hast du ein eigenes Unternehmen gegründet. Was war für dich ausschlaggebend für diesen Schritt?

So ein nine to five-Job wäre nichts für mich gewesen. Deshalb habe ich mich mit ein paar Freunden zusammengetan und eine Firma gegründet. Hier können wir unsere eigenen Ideen umsetzen.

Und der finanzielle Aspekt?

Darum geht es mir nicht. Finanziell kann es ja auch schief gehen. Und gerade am Anfang muss man sogar mit starken finanziellen Einbußen zurechtkommen. Seit September habe ich kein Gehalt. Ich muss meinen Lebensstandard auf die Basics reduzieren.

Deshalb bin ich sehr froh, dass wir jetzt Fördermittel bekommen haben und wenigstens dreien von uns für ein Jahr ein kleines Gehalt auszahlen können. Damit ist der Fortbestand unseres Unternehmens erstmal gesichert.

Aber aktuell bedeutet es, viel Arbeit für wenig Geld?

Ja, ich habe eine 80-Stunden-Woche. Aber ich merke das überhaupt nicht, weil ich mich für die Dinge, die ich mache, interessiere. Am Wochenende habe ich zum Beispiel an einer Software rumgespielt und dabei etwas ganz neues herausgefunden. Und am Montag fahren wir jetzt zum Kunden und präsentieren ihm diese Lösung.

Schildere doch mal einen normalen Arbeitstag von dir.

So etwas gibt es bei uns eigentlich gar nicht. Meistens bin ich um spätestens 9 Uhr im Büro. Mittags essen wir dann zusammen und abends, so ab 22 Uhr, fahre ich nach Hause. Das ist das einzige, was einigermaßen regelmäßig ist. Alles andere variiert.

Bleibt noch Zeit für Privatleben?

Mit den Leuten aus meinem Team bin ich auch befreundet. Insofern bleibt mein soziales Umfeld nicht auf der Strecke. Aber zum Abschalten ist kaum Zeit und Sport kommt zum Beispiel zu kurz. Und ich kann auch nicht mal einfach so für eine Woche weg in den Urlaub fahren.

Hast du zur Finanzierung deines Unternehmens Kredite aufgenommen?

Bislang noch nicht, unsere Förderungen waren immer einseitige Zahlungen. Aber wenn sich uns die Möglichkeit bietet, mit Fremdkapital zu arbeiten, würde ich das tun. Bei den jetzigen Konditionen ist das bei produktionsintensiven Projekten wirtschaftlich auch sinnvoll.

Wo siehst du dich in fünf Jahren?

Ich bin da realistisch, ob das mit dem Start-up klappt, ist noch völlig offen. Aber grundsätzlich glaube ich natürlich an unser Konzept und habe bestimmte Visionen für unsere Produkte, die wir entwickeln wollen. Wenn es funktioniert, bleibe ich dabei. Wenn es schlecht läuft, ist die Firma in drei Jahren kaputt und ich habe ein paar Schulden. Aber auch dann habe ich durch das Projekt viel gelernt, und das kann mir niemand nehmen. Egal wie es ausgeht, die Unternehmensgründung ist für mich auf jeden Fall ein Gewinn. Und ich werde nicht in die Situation kommen, mir irgendwann mit 60 Jahren vorwerfen zu müssen, dass ich meine Träume damals, als ich jung war, nicht realisiert habe.