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Eine Freiwillige erlebt in Afrika ein Jahr im Ausnahmezustand

Freiwilligendienst_Ghana_Weltwärts

Ein Jahr lang bereitete Merit Straßenkinder in Ghana auf die Schule vor.

Von der Straße auf die Schulbank

Eine ganz andere Kultur erleben und gemeinnützig tätig sein – diese Erfahrung hat die 19-jährige Philosophiestudentin Merit Pooth nach dem Abi bei ihrem Freiwilligendienst in Afrika gemacht. Bis September 2017 bereitete sie in Ghana Straßenkinder auf den Schulbesuch vor. Auch wenn Merit dabei einige schwere Schicksale gesehen hat – der Auslandsaufenthalt gab ihr immer wieder das Gefühl, helfen zu können, und brachte ihr letztlich auch Klarheit für ihren eigenen Weg.

Nach dem Abi gleich weiterzupauken – dazu hatte Merit keine Lust. Statt sich sofort nach dem Schulabschluss an der Uni einzuschreiben, löste sie ein Flugticket ins Unbekannte. Wie es dazu kam? Über eine Mitschülerin erfuhr sie von der Initiative „Aktion Lichtblicke Ghana“, die den Freiwilligendienst „Weltwärts“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung anbietet. „Ich habe mich sofort in das Projekt verliebt“, schwärmt Merit. Die Organisation arbeitet mit dem „Rays of Hope Centre“ in Ghana zusammen. Kinder, die kein Zuhause und keine Familie haben, können hier eine neue Perspektive finden – abseits von ihrem Alltag auf der Straße, wo sie auf sich alleine gestellt überleben müssen. Die Straßenkinder werden in dem Zentrum auf ihren meist ersten Schulbesuch vorbereitet. Ein Jahr lang hat Merit bei ihrem Freiwilligendienst die Lehrkräfte der Einrichtung bei dieser Aufgabe unterstützt.

Nach der Ankunft habe sie sich aber erst an ihre neue Umgebung gewöhnen müssen, erinnert sie sich: „Allein schon mal das Klima, neue Menschen, neue Gesichter.“ Während ihres gesamten ersten Monats in Ghana habe sie jedoch eine ausführliche Einführung bekommen. Jedes Projekt werde von „Weltwärts“ sehr fundiert vorbereitet, erklärt Merit. Der Umgang mit kulturellen Unterschieden und die verschiedenen Aufgaben ihres Freiwilligendienstes seien ihr zunächst genau erklärt worden: „Man kommt an, schnuppert langsam immer mehr in den Alltag rein und lernt die Klassen und die Kids kennen.“ Später habe sie eine eigene kleine Gruppe von Schülern zur individuellen Förderung bekommen. Vorkenntnisse im Lehrbereich habe sie zu diesem Zeitpunkt schon gehabt, da sie in Deutschland Nachhilfestunden gegeben habe. Jedoch habe sie in Ghana zum ersten Mal ins Arbeitsleben hineingeschnuppert. „Das war ein sehr krasser Sprung ins kalte Wasser.“

Still zu sitzen fällt vielen Kindern nach einem Leben auf der Straße erst einmal schwer.
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Neues Land, neuer Alltag

Als Freiwilliger im „Rays of Hope Centre“ habe man als unterstützende Lehrkraft engen Kontakt zu den Kindern, berichtet Merit. Spielerisch lernen die Jungs und Mädchen in der Einrichtung erst einmal die Basics, die für einen späteren Schulbesuch nötig sind. „Die Kids in den Centern kommen direkt von der Straße und üben am Anfang ganz einfache Sachen, wie still auf dem Platz sitzen zu bleiben“, erzählt sie. Je länger die Kinder im Projekt seien, desto mehr nähere sich der Unterricht einer klassischen Schulstunde an. Wichtig sei immer auf die Kinder einzugehen und ihren persönlichen Entwicklungsstand zu berücksichtigen.

Viele besuchten mit 13 Jahren das erste Mal eine Schule und sprächen nur bruchstückhaft Englisch. Vor der Aufnahme im Center sei ihr Alltag vom Leben in der Obdachlosigkeit geprägt gewesen: „Das sind dann total verhaltensauffällige Kinder.“ Ohne intaktes Elternhaus und familiäres Sicherheitsnetz leben und arbeiten sie den Großteil ihrer Kindheit auf der Straße. Perspektivlosigkeit und Kriminalität seien fester Bestandteil ihrer Welt. Gerade sie müsse man langsam an ihr neues Umfeld heranführen: „Mit denen kann man nicht zwei Stunden lang sitzen und Unterricht durchziehen.“ Die Kinder hätten große Schwierigkeiten sich zu konzentrieren und ablenkendes oder aggressives Verhalten gegenüber Mitschülern sei keine Seltenheit.

Viele Straßenkinder in Ghana verdienen Geld, indem sie Dinge verkaufen.
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Durch die gezielte Betreuung könne man die Jugendlichen aber schrittweise erziehen. Wenn ein 13-jähriges Kind zu ihnen ins Center komme, könne es nach einem Jahr die erste, zweite oder dritte Klasse besuchen. Viel mehr sei vom Lehrpersonal und den Freiwilligen nicht zu leisten, räumt Merit ein. Durch das Umkrempeln von Verhaltensauffälligkeiten sei es vielen Teenagern aber möglich zumindest mit Grundschülern in eine Klasse zu gehen. Dennoch werde versucht, die Kinder auf einen Einstieg in eine höhere Jahrgangsstufe vorzubereiten. Sonst würden sie von ihren Mitschülern schnell gehänselt: „Wenn man als 13-Jähriger in einer Klasse mit lauter Achtjährigen sitzt, ist das für die Kids schon blöd.“

Auch die kleinen Fortschritte der Kinder sind für Merit und die Mitarbeiter des Projektes erfreuliche Erfolge. Ein schönes Beispiel sei etwa die Verhaltensveränderung eines zwölfjährigen Jungen, der gleichzeitig mit ihr im Center angekommen sei, erzählt Merit. Er sei hochmotiviert und bereit gewesen alles zu lernen. „Leider war er unfähig sich auch nur eine Minute lang zu konzentrieren“, erinnert sie sich. Der Junge habe durch sein aufgedrehtes Benehmen nicht nur die anderen Kinder abgelenkt. Er stellte auch für seine Betreuer eine Belastungsprobe dar. Durch die individuelle Förderung der Lehrkräfte und der Freiwilligen sei er Stück für Stück ruhiger geworden: „Zum Schluss konnte er sich fünf Minuten lang fokussiert hinsetzten.“ Aus eigenem Antrieb heraus habe er noch einmal für sich selbst das Alphabet gelernt. Für Merit und ihre Kollegen sei diese Entwicklung ein Erfolg auf ganzer Linie gewesen: „Das war am Anfang undenkbar!“ Nun habe das Kind gute Chancen, bald in die Schule gehen zu können.

Aus dem Rhythmus

Für die Kinder sei der neue Alltag im Center eine gewaltige Umstellung. Viele hätten auf der Straße einen festen Rhythmus gehabt, den es nun zu durchbrechen gelte. „Wir stehen auf, wir verkaufen ganz viel. Dann kriegen wir Geld, können uns etwas zu Essen kaufen. Am nächsten Tag das Gleiche“, beschreibt Merit einen gewöhnlichen Tag eines Straßenkindes. Wer so aufwachse brauche eine gewisse Zeit und viel Betreuung: „Die Kinder leben quasi von der Hand in den Mund.“ Am Anfang sei es für sie nicht leicht, sich hinzusetzten, zu lernen und nichts dafür zu bekommen. Bei vielen komme die Veränderung und Anpassung Stück für Stück. Bei anderen funktioniere die Umerziehung nicht. Irgendwann erscheinen sie plötzlich nicht mehr zur Unterrichtsstunde und laufen weg. „Da sitzen die alten Gewohnheiten zu tief drin“, erklärt Merit.

Merit (rechts) wohnte zusammen mit anderen Freiwilligen in einem eigenen Haus.
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Eine Geschichte sei ihr besonders nahe gegangen. In ihrer Anfangszeit habe ein Straßenarbeiter der Hilfseinrichtung zufällig während einer Graduiertenfeier einen Jungen aufgegriffen. Er stammte aus einer völlig anderen, weit entfernten Region Ghanas. Erst mit der Zeit habe sie von dem Jungen erfahren, unter welchen Umständen er in diesen Teil West-Afrikas kam. Er sei wohl vom Vater entführt und gefangen gehalten worden, bis ihm die Flucht gelang. „Das war aber trotz der tragischen Kindheit ein ganz pfiffiger Junge mit dem wir sehr viel Spaß hatten“´, erzählt Merit. Die Organisation habe seine Mutter ausfindig gemacht, und zusammen mit dem Straßenarbeiter und einem Lehrer habe sie das Kind zurück nach Hause gebracht: „Das war gut, zu sehen, dass er wieder integriert wird, und dass er zurück zu seinen Leuten kommt.“

Beim täglichen Umgang mit Straßenkindern sei für die Freiwilligen jedoch die Wahrung eines gewissen emotionalen Abstands nötig. Bei so vielen Einzelschicksalen sei dies nicht immer einfach. Doch ihr sei die Verarbeitung ihrer Erlebnisse nie schwer gefallen, sagt Merit. Um zur Ruhe zu kommen sei ihr jedoch ein Rückzugsort wichtig gewesen. Beim täglichen Umgang mit Straßenkindern sei Mit drei anderen Mädchen, die auch einen Freiwilligendienst im „Rays of Hope Centre“ absolvierten, habe sie ein Haus für sich gehabt. Das Gebäude sei bereits seit Generationen das Volontärshaus, in dem jeder Bewohner sein eigenes Zimmer habe. „Es war mir wichtig, dass ich auch mein eigenes Leben weiterleben kann“, sagt Merit. In der Unterkunft der Freiwilligen habe es sogar eine Köchin gegeben, die für sie und ihre Mitbewohnerinnen Mahlzeiten frisch zubereitet habe. Nach einem anstrengenden Arbeitstag sei sie für diese Unterstützung sehr dankbar gewesen.

Freundschaften und Kontakte habe sie am Anfang ihres Auslandsaufenthalts vor allem unter den Mitarbeitern und den anderen Freiwilligen gefunden. „Man will ja auch mit dem Projekt verbunden sein“, erklärt sie. Nach einiger Zeit sei eine befreundete Mitfreiwillige jedoch in den Kirchenchor eingetreten. Chöre seien in Ghana beliebt und oft mit jungen Leute besetzt. Da die Mädchen auch außerhalb des Chors viel Zeit miteinander verbrachten, seien die neuen Bekannten ihrer Kollegin auch zu Merits Freunden geworden. Noch heute stehe sie mit einigen von ihnen in engem Kontakt.

Bedenkzeit und Perspektivwechsel

Im Nachhinein sei sie sehr froh, sich für den Freiwilligendienst in Afrika entschieden zu haben, betont Merit. Das Abenteuer Ausland zu wagen, sei für sie ein wahrer Glücksgriff gewesen: „Ein Auslandsaufenthalt ist unglaublich empfehlenswert. Da steckt sehr viel Herzblut drin.“ Doch auch bei ihrer weiteren Zukunftsplanung ist Merit durch das Projekt einen entscheidenden Schritt weitergekommen. Vor ihrem Auslandsjahr sei sie zwischen den Studiengängen Psychologie undPhilosophie hin- und hergerissen gewesen, sagt sie. Gegen ein Philosophiestudium hätten für sie damals vor allem die unsicheren Jobaussichten nach dem Uniabschluss gesprochen. In Ghana sei sie zu einer neuen Sichtweise gelangt: „Irgendwie ergibt sich am Ende eine Möglichkeit, was ich damit anfangen kann.“ Jetzt, mitten im Studium, sei sie sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Martina Prammer