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Wie ein Münchner Start-up das Pflegepersonal entlasten will

Das Smartphone fürs Krankenhaus.

Das Krankenhauspersonal kann mit Hilfe der Smartphones Servicefragen von akuten Notfällen sofort unterscheiden.

Mit neuen Technologien will das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) künftig die Pflege in Deutschland verbessern. Drei junge Gründer aus Bayern arbeiten dazu seit einigen Jahren an einer vielversprechende Lösung: „Pflegekräfte müssen von pflegefernen Aufgaben befreit werden“, so Quirin Körner, einer der Köpfe hinter dem Start-up Cliniserve, das auf der Karrieremesse Stuzubi für Studenten und Young Professionals 2018 in München den Start-up Pitch gewonnen hat. Wie sein Konzept aussieht, verrät Quirin im Stuzubi-Interview.

„In der Pflege sehen wir ein großes Potenzial, um mit innovativer Technik das Leben der Menschen zu verbessern", sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek kürzlich anlässlich der Konferenz „Zukunft der Pflege" in Oldenburg. Quirin hatte diese Idee schon vor einigen Jahren und gründete deshalb noch während seines Studiums am Center for Digital Technology and Management (CDTM) das Start-up Cliniserve. 

Sein Unternehmen hat die App Cliniserve entwickelt, die als Kommunikationslösung für den Pflegesektor dient. Denn bisher wird das Personal vom Patienten im Krankenhaus meistens über den Notrufknopf im Zimmer gerufen. Ob es sich dabei um einen Herzinfarkt handelt oder ein Glas Wasser gewünscht wird, ist für die Fachkräfte nicht ersichtlich. Das bedeutet: Der Gang der Mitarbeiter ins Patientenzimmer ist unerlässlich. Hier soll die App Abhilfe schaffen und die Pflegearbeit erleichtern. Über das Smartphone kann der Patient der Pflegekraft sein Anliegen durch einfaches Auswählen der Leistungen mitteilen. Tatsächliche Notfälle sollen so gezielt von Servicefragen unterschieden und priorisiert werden. Um das System zu testen wird die App aktuell im Universitätsklinikum Großhadern in München von Personal und Patienten erprobt.

Bereits Anfang des Jahres haben Quirin und sein Team beim Start-up Pitch auf der Karrieremesse Stuzubi für Studenten und Young Professionals in München außerdem die Fachjury mit ihrem Konzept überzeugt und den begehrten Award gewonnen. Martina Prammer von Stuzubi hat mit dem Jungunternehmer gesprochen.

Wie seid Ihr auf die Idee für die App gekommen?
Quirin: Im Studium habe ich mich mit der Digitalisierung in verschiedenen Branchen beschäftigt. Aus meinem eigenen Zivildienst war mir zudem die Rückständigkeit der Krankenhäuser bekannt. In Gesprächen mit dem Klinikpersonal hat sich dann der Pflegeengpass als größtes Problem herauskristallisiert. Durch die ständige Verwendung des Notrufknopfes können Notfälle nicht von Servicefragen unterschieden werden. Mehrfachgänge zum Patienten und Verwaltungsaufgaben nehmen dadurch überhand. Um dieser personalmangelbedingten Arbeitsüberlastung entgegenzuwirken hilft unsere Kommunikationslösung, da sie die Zeit und Kapazitäten der Pfleger besser einteilt.

Das Krankenhauspersonal ist überlastet und mit zu vielen pflegefernen Aufgaben konfrontiert. Welches Potenzial steckt in der Digitalisierung von Krankenhäusern und welche Rolle will Cliniserve dort in der Zukunft spielen?
Quirin: Im Krankenhaus ist für den Patienten der Kontakt mit dem Pflegepersonal und den Ärzten von großer Bedeutung. Die Digitalisierung kann diesen persönlichen Kontakt niemals ersetzen, aber sie kann der Pflege unnötige und lästige Aufgaben abnehmen. Heutzutage verbringen Pflegekräfte 50 Prozent ihrer Zeit mit pflegefernen Diensten, also mit logistischen und administrativen Verpflichtungen. Durch den Einsatz unserer App haben die Pflegekräfte wieder mehr Zeit für die Anliegen, für die sie ausgebildet wurden und bei denen sie den Patienten wirklich helfen. Das sind übrigens auch die Aufgaben, die sie selbst am liebsten machen. Mit Hilfe der App wird die Verständigung zwischen Pflegepersonal und Patient digitalisiert und die Kommunikation für den Patienten wird angenehmer, weil er nicht mehr warten muss bis jemand vorbei kommt oder er den Notfallknopf benutzen muss. Für die Krankenschwester ist der Vorteil, dass sie sofort weiß was der Patient braucht und nicht ihre Arbeit unterbrechen muss, wenn die Anfrage auch noch ein paar Minuten warten kann. Im Hintergrund priorisiert unser System die anfallenden Aufgaben und kümmert sich darum, dass diese dann an das richtige Personal zugewiesen werden, zum Beispiel direkt an Servicekräfte. Auch die Dokumentation wird von der App übernommen. In Zukunft sehen wir Cliniserve als System, das zunehmend administrative und logistische Aufgaben übernimmt und somit das Krankenhauspersonal mehr Zeit mit dem Patienten verbringen kann.

Cliniserve wird aktuell in einem Pilotprojekt auf zwei Stationen am Klinikum Großhadern in München getestet. Wie verläuft der Einsatz der App vor Ort und welche Rückmeldungen habt Ihr bisher bekommen?
Quirin: Unsere App ist sehr einfach zu bedienen. Daher ist der Mehrwert für die Benutzer sofort ersichtlich: keine doppelten Wege und weniger Unterbrechungen. In einer Station hatten wir aber eine Pflegekraft, die privat kein Handy besitzt. Sie hatte daher Angst, die App nicht richtig verwenden zu können. Inzwischen nutzt sie das System ohne Probleme. Die Krankenschwester konnten wir also schnell überzeugen. Auch die Patienten sind von der App begeistert. Gerade jüngere Patienten finden die Patientenklingel eher altmodisch und begrüßen die zeitgemäße Kommunikation durch das Smartphone. Viele Patienten finden es angenehm, der Schwester mitteilen zu können was sie brauchen, ohne sich den Kopf zu zerbrechen ob es jetzt angemessen ist den Knopf zu nutzen oder nicht. Manche Patienten sind auch sehr überrascht welche Services ein Krankenhaus bietet. Viele Pflegekräfte geben uns inzwischen auch aktiv Feedback per Mail oder Telefon und beteiligen sich so an der Weiterentwicklung der App. Das zeigt die Verbundenheit und den Nutzen. So haben wir Funktionen, wie zum Beispiel die temporäre Abwesenheit, wieder gestrichen und andere, wie die Erinnerungsfunktion der Aufgaben an die Pflegekräfte, ergänzt. Viele Prozesse sind für jede Station sehr individuell. Insofern haben wir auch gelernt, dass wir ein sehr flexibles System brauchen, das wir anpassen können, aber nicht für jede Station neu programmieren müssen.

Welche Tipps können kannst du zukünftigen Gründern in der Planungsphase geben?
Quirin: EXIST, ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie mit dem Ziel, Hochschulstudenten die Gründung eigener Unternehmen zu erleichtern, ist super. Man muss aber früh herausbekommen wie der Prozess an der Uni funktioniert, daher sollte man sich so rasch wie möglich informieren und viel Zeit einplanen. Außerdem ist es wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein und die eigenen Ideen kritisch zu validieren. Unerlässlich sind auch regelmäßige Team Events ohne Arbeitsbezug, damit man Zeit als Freunde zusammen hat.

Ihr sucht Verstärkung für euer Team. Wer hat Chancen ein Teil von Cliniserve zu werden?
Quirin: Viele Praktikanten kommen zu uns, um zu sehen wie im Start-up gearbeitet wird. Praktikanten suchen wir in allen Bereichen: BWL, Informatik, Design, Gesundheitsmanagement und PR.
Feste Stellen hängen bei uns sehr vom Bedarf und unseren finanziellen Möglichkeiten ab. Bei neuen Mitarbeitern achten wir sehr darauf, dass jemand zu uns ins Team passt und motiviert ist mit uns an unserer Vision zu arbeiten. Gerade haben wir aber einen Programmierer angestellt.

Ihr habt auf der Karrieremesse Stuzubi für Studenten und Young Professionals 2018 in München den Start-up-Pitch gewonnen. Habt Ihr das Preisgeld von 1.000 Euro schon ausgegeben?
Quirin: Wir haben jetzt einen Designer für neue Graphiken in der App. Mit dem Gewinn werden wir außerdem die Fahrtkosten zahlen um neue Kunden zu werben.

Welche Pläne habt Ihr noch für 2018?
Quirin: Einerseits wollen wir Cliniserve in mehr Stationen und Krankenhäusern einsetzen. Andererseits ist es uns ein Anliegen genug Einnahmen zu generieren um uns selbst finanzieren zu können, so dass wir zunächst unabhängig bleiben können.

 

Die kreativen Köpfe hinter der App: 

Quirin Körner ist Münchner und hat sowohl einen Bachelor- als auch einen Master in Elektro- und Informationstechnik.
Julian Nast-Kolb kommt aus Starnberg bei München und hat einen Bachelor in Mathe und einen Masterabschluss in VWL.
Jaakko Nurkka bringt internationales Know-how in die Gruppe. Er hat in Lappeenranta, Finnland, seinen Bachelor in Wirtschaftsinformatik gemacht und anschließend in München den Master in BWL angeschlossen.

Kennengelernt haben sich die drei über das Zusatzstudium Innovation und Digitalisierung an dem Forschungs- und Lehrinstitut Center for Digital Technology and Management (CDTM) in München. Im letzten Semester hatten sie ein gemeinsames Projekt und haben dabei festgestellt, dass sie auch als Team super zusammenarbeiten können.

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