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Formulierungen im Arbeitszeugnis richtig interpretieren

Arbeitszeugnisse richtig interpretieren

Arbeitszeugnisse werden auf der Stuzubi Jobs & Master 2018 in Hamburg kostenfrei geprüft.

Eigentlich dürfte es nicht passieren, dass Arbeitgeber Mitarbeitern über das Arbeitszeugnis heimlich Steine in den Weg legen. „Das Zeugnis muss klar und verständlich formuliert sein“, heißt es in § 109 der Gewerbeordnung. „Es darf keine Merkmale oder Formulierungen enthalten, die den Zweck haben, eine andere als aus der äußeren Form oder aus dem Wortlaut ersichtliche Aussage über den Arbeitnehmer zu treffen.“ Doch wenn im Arbeitszeugnis steht „Er wird als umgänglicher Kollege geschätzt“, bedeutet dies dann, dass der Mitarbeiter umgänglich ist? Mitnichten.

Obwohl verklausulierte Formulierungen im Arbeitszeugnis seit dem 19. Jahrhundert verboten sind, ist es gängige Praxis, dem scheidenden Mitarbeiter verdeckte Kritik mit auf den Weg zu geben. Der Grund: Das Zeugnis muss wahrheitsgemäß sein – sind nachweisbare Defizite nicht enthalten, kann der neue Arbeitgeber den vorherigen unter Umständen verklagen. Dennoch schreibt das Gesetz vor, dass die Formulierungen wohlwollend sein müssen und den Mitarbeiter nicht in seiner Karriere behindern dürfen.

Aus diesem Zwiespalt hat sich eine spezielle Zeugnissprache entwickelt, die Kritik hinter positiv klingenden Phrasen verbirgt. Das Start-up verlingo hat sich auf dieses Thema spezialisiert und zeigt unter www.zeugnisprofi.com/wissen/geheimcode/ wie negative Bewertungen im Arbeitszeugnis konkret aussehen können. Auf der Stuzubi Karrieremesse Jobs & Master in Hamburg hat das junge Unternehmen die Arbeitszeugnisse der Messebesucher mit seiner eigens hierfür entwickelten digitalen Anwendung überprüft.

Gängige Formulierungen im Arbeitszeugnis und ihre Übersetzung

Oft wird Kritik am Verhalten und der Leistungsbereitschaft des Arbeitnehmers geäußert – freundlich verpackt in Formulierungen wie diesen:

 

ArbeitszeugnisDeutsch
Er zeigte für die Arbeit Verständnis. Dieser Mitarbeiter hat keine Leistung gebracht.
Er war wegen seiner Pünktlichkeit stets ein gutes Vorbild.Der Mitarbeiter war pünktlich, ansonsten hat er aber nichts geleistet.
Herr Muster verfügt über ein bemerkenswertes Bildungsniveau, mit dem er alle gesellschaftlichen Anlässe stets bereicherte.Das Bildungsniveau des Mitarbeiters ist stark unterdurchschnittlich.
Im Kollegenkreis galt er als toleranter Mitarbeiter.Dieser Mitarbeiter ist für Vorgesetzte unangenehm.
Er wird als umgänglicher Kollege geschätzt.Es handelt sich um einen schwierigen Mitarbeiter.

 

„Am häufigsten werden schlechte Bewertungen durch das Weglassen von Punkten oder Temporaladverben wie ‚immer‘ oder ‚stets‘ zum Ausdruck gebracht“, erklärt Philip Drengenberg, einer der Gründer von verlingo. Wenn etwa bei einer Aussage zum Verhalten nur die Kollegen, nicht aber die Vorgesetzten erwähnt würden, weise dies auf Probleme mit den Chefs hin.

Wenn der Arbeitgeber übers Ziel hinausschießt

Vor Mitarbeitern, die im Betriebsrat aktiv sind, darf ein Arbeitgeber aber nicht warnen. Auch Aussagen zur sexuellen Orientierung haben im Zeugnis nichts zu suchen. Formulierungen wie diese sind deshalb verboten:

 

ArbeitszeugisDeutsch
Er trat sowohl innerhalb wie auch außerhalb unseres Unternehmens engagiert für die Interessen der Arbeitnehmer auf.Der Mitarbeiter hat eine Betriebsratstätigkeit ausgeführt.
Er zeigte Engagement für Arbeitnehmerinteressen außerhalb des Betriebes.Der Mitarbeiter hat bei Streiks teilgenommen.
Er bewies großes Einfühlungsvermögen bei seinen Kollegen.Der Mitarbeiter ist homosexuell.

 

 

 

Grenzwertige Formulierungen im Arbeitszeugnis

Schwierig gestalten wird sich die künftige Jobsuche auch, wenn im Zeugnis der Alkoholkonsum des Mitarbeiters, das Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht oder der Gesundheitszustand erwähnt wird. Formuliert werden Aussagen dazu zum Beispiel so:

 

ArbeitszeugnisDeutsch
Er hat durch seine Geselligkeit zur Verbesserung des Betriebsklimas beigetragen.Der Mitarbeiter hatte ein Alkoholproblem hat und während der Arbeitszeit Alkohol getrunken.
Für die Belange der Belegschaft bewies er stets Einfühlungsvermögen.Der Mitarbeiter suchte Sexkontakte bei Betriebsangehörigen.
Wir wünschen ihm alles Gute und Gesundheit.Dieser Mitarbeiter erkrankte regelmäßig.

 

Gerade bei gesundheitlichen Problemen könne man eine Streichung entsprechender Hinweise aus dem Arbeitszeugnis meistens durchsetzen, versichert Drengenberg: „Ausgenommen sind aber Berufe, in denen die gesundheitliche Einschränkung ein Risiko darstellt. Wenn ein Lkw-Fahrer an Alkoholismus leidet, kann das schon im Arbeitszeugnis stehen.“

Grundsätzlich habe man gute Chancen, sich ein passables Zeugnis zu erklagen. Wer jedoch eine überdurchschnittliche Bewertung seiner Leistungen verlange, müsse Beweise erbringen: „Wenn das Zeugnis besser sein soll als die Schulnote Drei liegt die Beweislast beim Arbeitnehmer, wenn es schlechter ist, beim Arbeitgeber.“

Vorsicht bei selbst verfassten Arbeitszeugnissen

Das Team von verlingo hat eine App zur Überprüfung von Arbeitszeugnissen entwickelt.
Das Team von verlingo hat eine App für Arbeitszeugnisse entwickelt.

Um negativen Bewertungen vorzubeugen, treffen viele Mitarbeiter mit dem Arbeitgeber eine Vereinbarung und schreiben ihr Zeugnis selbst. Gerade von kleinen Unternehmen werde dieses Vorgehen oft angeboten, berichtet Drengenberg: „Das spart den Firmen Zeit und Arbeit.“ Jedoch sei Vorsicht geboten. Als Laie übersehe man oft wichtige Details: „Wenn zum Beispiel Wörter wie ‚immer‘ oder ‚stets‘ fehlen, wird aus einer guten Bewertung eine mittelmäßige“.

Deshalb sei es ratsam, das selbst geschriebene Zeugnis von einem Experten prüfen zu lassen, empfiehlt der Start-up Gründer. Sein Unternehmen arbeitet derzeit übrigens an einer App zur Erstellung von sicheren Zeugnistexten. Arbeitszeugnisse über verlingo per PDF hochzuladen und Mängel innerhalb von zehn Sekunden ausfindig zu machen ist unter www.zeugnisprofi.com schon jetzt möglich.