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Bachelorstudium im Bereich Wirtschaft: Finanzwirt/in

Finanzwirt/in (Duales Studium)

Finanzwirte brauchen mehr Jura als Mathe

Jana Ehlers in einem Seminarraum der Norddeutschen Akademie für Finanzen und Steuerrecht Hamburg.

Gesetze verstehen lernen

Hauptsächlich bearbeitet Jana Steuererklärungen von Bürgern und Unternehmen. Am Anfang fiel es ihr nicht leicht, sich in die komplexen Gesetzestexte einzulesen und Zusammenhänge zwischen verschiedenen Steuerarten, wie z. B. der Einkommen- und der Umsatzsteuer, zu begreifen, „aber mit der Zeit ging es immer besser. Ich habe im Oktober mit dem dualen Studium begonnen und bereits Weihnachten kam ich schon viel besser mit den Texten zurecht! “ Bestimmte Fachausdrücke lernte Jana erst mit der Zeit: „Werbungskosten haben überhaupt nichts mit Werbung zu tun, sondern sind Kosten, die im Zusammenhang mit dem Beruf entstehen, wie z. B. Fortbildungskosten oder Kosten für die Bewerbungsmappe. Auch der Begriff Sonderausgaben erschließt sich nicht sofort: Das sind aber etwa Versicherungsbeiträge oder Spenden.“

Wichtig sei vor allem, betont Jana, die Tatbestände eines Gesetzes im Kopf zu haben und die Zusammenhänge zu verstehen: „Im Studium wird man theoretisch auf die Steuerfälle vorbereitet, in der Praxis muss man sich dann erst mal einarbeiten und den Umgang mit der speziellen Steuer-Software im Finanzamt lernen. Man kann sich aber immer an die Ausbilder wenden, die einem mit Rat und Tat zur Seite stehen.“ In ihrer Familie ist die angehende Diplom-Finanzwirtin übrigens schon jetzt eine gefragte Fachfrau bei der alljährlichen Steuererklärung.

Für Jana beginnt der Arbeitstag während der berufspraktischen Studienzeit im Finanzamt Hamburg-Mitte erst einmal damit, dass sie eingehende Post sichtet und wichtige Fälle gleich bearbeitet: „Wenn sich zum Beispiel Kontonummern ändern, Bürger Anträge einreichen oder um Fristverlängerungen bitten, dann ziehen wir das vor.“ Besonders interessiert Jana die Betriebsprüfung – eine von vielen Einsatzmöglichkeiten im Finanzamt. Hier gehen Finanzbeamte direkt in die Unternehmen und prüfen, ob steuerrechtlich alles einwandfrei abläuft.

Mehr Recht als Mathe

„Wer denkt, dass man im Finanzamt vor allem gut in Mathe sein muss, der irrt. Vielmehr legen wir Wert auf Textverständnis und das Erkennen von Zusammenhängen“, erklärt Martin Albrecht, Referent im Aus- und Fortbildungsreferat der Finanzbehörde Hamburg und verantwortlich für das Einstellungs- und Auswahlverfahren. In den Kernfächern wie Deutsch, Mathe, einer Fremdsprache sowie einem allgemeinbildenden Schulfach wie Politik, Wirtschaft oder Geschichte sollte der Bewerber mindestens befriedigende Noten mitbringen, so Martin Albrecht: „Die Eintrittskarte zu uns ist auf jeden Fall ein gutes Abiturzeugnis und ein individuelles Anschreiben, das zeigt, dass sich der Bewerber über den Beruf und die Steuerverwaltung informiert hat.“

Kenntnisse im Steuerrecht werden aber nicht verlangt, erinnert sich die Finanzanwärterin Jana: „Ich sollte im Assessment Center Fragen zu einem kleinen Gesetzestext beantworten und habe ein Referat über Steuerhinterziehung vorbereitet.“ Das müsse allerdings nicht in die Tiefe gehen, beruhigt Martin Albrecht, denn als Schüler wisse man naturgemäß noch nicht viel über Steuern. Wichtig sei vor allem, dass Bewerber Teamgeist, Leistungsbereitschaft und ein Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen mitbringen.

Lerngruppe in der Akademie: Jana mit ihrem Kommilitonen Tim Heinemann (links)
Lerngruppe in der Bibliothek

Bürgernähe und Studieninhalte

Es kommt häufig vor, dass Jana die Steuerbürger direkt anrufen und um fehlende Unterlagen bitten muss. In sozialwissenschaftlichen Seminaren lernt sie, wie man schwierige Situationen meistert, z. B. wenn sich Bürger ungerecht behandelt fühlen. Neben sozialer Kompetenz muss Jana hauptsächlich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften pauken: „Steuerrecht ist der Hauptbestandteil im Studium an der Norddeutschen Akademie für Finanzen und Steuerrecht Hamburg (NoA). Allerdings ist hier reines Auswendiglernen fehl am Platz. Entscheidend ist zu wissen, wo etwas im Gesetz steht, um das dann richtig anzuwenden!“

In kleinen Gruppen von maximal 24 Studierenden erfahren die Finanzanwärter an der NoA von Profis aus der Praxis auch alles über Buchführung und Bilanzsteuerrecht, Öffentliches Recht, Betriebswirtschaftslehre sowie Handels- und Privatrecht. Insgesamt 21 Monate studiert Jana an der NoA. Die Theorie-Zeiten wechseln sich ab mit insgesamt 15 Monaten berufspraktischen Studienzeiten in einem Hamburger Finanzamt. „Im Finanzamt steigen wir dann direkt ein in die Fallbearbeitung und werden hierauf in der Theorie punktgenau vorbereitet. So ist man in der Lage, bereits während der Praxis-Zeiten selbständig und eigenverantwortlich zu arbeiten“, erzählt Jana.

Ein Tag im Assessment Center

Bevor sie aber ihre Bewerbung in den Briefkasten warf, hat sich Jana auf der Homepage der Finanzbehörde informiert. Nach erfolgreicher Auswahl musste Jana dann einen Tag im Assessment Center absolvieren: „Das war natürlich aufregend, ich hatte das vorher noch nie gemacht!“ Zusammen mit vier weiteren Bewerbern stellte sie sich einer Gruppenarbeit, in der die Bewerber zu einem Thema gemeinschaftlich diskutieren, Lösungsansätze erarbeiten und am Flip-Chart präsentieren mussten. Außerdem wurde im Rahmen einer Pro-Contra-Diskussion zu einem aktuellen Thema kontrovers diskutiert. Und Martin Albrecht ergänzt: „Vor dem Assessment Center findet noch ein Eignungstest statt, bei dem sich die Bewerber in Rechtschreibung, Allgemeinwissen, in logischem sowie zahlengebundenem Denken und anderen Bereichen beweisen müssen.“

Das Tempo der Stoffvermittlung sei recht zügig, so Martin Albrecht. „Gerade Nachwuchskräfte, die direkt nach der Schule mit dem dualen Studium beginnen, müssen sich häufig umstellen und an das ungewohnte Lerntempo gewöhnen. Den meisten Studenten gelingt das relativ schnell – aber es besteht auch die Gefahr, dass man den Stoff unterschätzt.“ Am besten sei es, von Anfang an am Ball zu bleiben, rät er.