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"Es muss Interesse da sein, um etwas zu verstehen."

Windparks im Meer nennt man Offshore-Anlagen.

AbiQ: In Anbetracht des steigenden Bevölkerungswachstums – halten Sie eine Deckung des gesamten Energiebedarfs durch regenerative Ressourcen für realistisch?

Harald Lesch: Erneuerbare Energien sind unsere Zukunft, darüber ist sich die Wissenschaft einig. Atomkraft war von Anfang an eine Sackgasse, die Gefahren sind seit Fukoshima immer klarer geworden. Es wird und muss so sein, dass wir unsere Energie nur noch aus Sonne, Biothermie, Biogas und Wind beziehen.

Bis jetzt waren alle unsere Energiequellen immer endlich, der steigende Bedarf kann aber nur durch Ressourcen gedeckt werden, die nicht aufgebraucht werden können. Das wird auch funktionieren, es gibt immer mehr Verbesserungen auf diesem Gebiet. Man muss die Leute nur tüfteln lassen, mit Spieltrieb und Neugierde.

AbiQ: Wie sieht das Ganze in der Praxis aus?

Harald Lesch:
Es kommt auf die richtige Mischung am richtigen Ort an. Was für Deutschland gut ist, eignet sich nicht unbedingt auch für andere Länder und umgekehrt. Wir sind hier zwar nicht reich an Rohstoffen, aber wir haben Energietechnologien. Zum Beispiel wurde kürzlich ein Verfahren entwickelt, bei dem in der Zementherstellung Kohlendioxid gebunden werden kann.
So ein Zementwerk kann man dann neben ein konventionelles Kraftwerk setzen. An solchen Projekten mitzuarbeiten ist eine große Motivation. Man sieht, was ich mache ist sinnvoll und nicht nur dazu da, um die Miete zu zahlen. Und in diesem Bereich gibt es sehr viel zu tun.

AbiQ: In der Schule gelingt es aber anscheinend nicht, das Interesse an diesem Thema zu wecken, vielmehr gelten Physik und Mathe als besonders schwierige Problemfächer. Ein Versagen der Lehrkräfte?

Harald Lesch: Viel liegt sicher an den Lehrern, die die Schüler nicht motivieren. Dabei wissen wir aus der Neurowissenschaft, dass das Emotionale das Rationale befeuert. Es muss Interesse da sein, um etwas zu verstehen. Aber Lehrer sind natürlich auch keine eierlegenden Wollmilchsäue. Heutzutage müssen sie vieles abfedern, was im Elternhaus versäumt wird.

Es gibt immer mehr Alleinerziehende und Patchworkfamilien, so dass die Schule auch Erziehungsaufgaben übernehmen muss. Gleichzeitig wird immer mehr Stoff in immer weniger Zeit vermittelt. Dabei gibt es immer weniger Jugendliche. Jetzt könnten wir es uns leisten, junge Menschen so gut auszubilden wie nie zuvor. Statt die Schulzeit zu verkürzen und die Schüler zu pressen, sollten wir sie eigentlich verlängern und Druck rausnehmen.

Wichtig ist aber auch der praktische Aspekt, Kopfrechnen, Prozentrechnen, Dreisatz, im Supermarkt kann sonst keiner die Preise richtig vergleichen. In den Schulbüchern der DDR kann man zum Beispiel sehen, wie man gut Mathe macht. Die sind wie Kochbücher, da lernt man, wie man eine Aufgabe löst, und nach 50 Mal kann man das im Schlaf.

AbiQ: Inwieweit ist Spaß an der Sache ein Indikator dafür, dass man sich für ein naturwissenschaftliches Studium eignet?

Harald Lesch: Neugier ist eine ultimative Quelle. Aber Interesse am Thema ist nur ein Anfang. In den Naturwissenschaften ist es auch nicht anders als zum Beispiel in der Musik. Irgendwann stellt sich die Frage, will ich nur ein bisschen rumklimpern, oder will ich zur Musikhochschule. Um richtig gut in einer Sache zu werden, muss die Motivation so groß sein, dass man das Bedürfnis hat, sich zu bemühen die Dinge zu verstehen.

Das kann man nicht im Vorbeigehen, dazu sind Übung und gutes Handwerk nötig. Das macht den Unterschied zwischen einem Amateur und einem Profi aus. Aber um mehr Profis zu bekommen, brauchen wir zunächst einmal mehr Amateure.

Fernsehphysiker Lesch

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